Am Anfang stand eine Beobachtung. Anfang der 1970er-Jahre wertete der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky eine Studie über die Anpassung israelischer Frauen an die Wechseljahre aus. Darunter waren zwei Gruppen von Frauen, die in den 1920er-Jahren in Deutschland geboren waren. Die einen waren vor dem Zweiten Weltkrieg eingewandert. Die anderen hatten die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager überlebt. Dass die Überlebenden im Schnitt weniger zufrieden waren und ihre Gesundheit schlechter einschätzten, überraschte nicht. Antonovsky fiel etwas anderes auf: Rund 30 % der Überlebenden berichteten von hoher Lebenszufriedenheit. So erzählt es sein Sohn, Dr. Avishai Antonovsky.
Laut Dr. Avishai Antonovsky entstand daraus eine neue Frage: Woher kommt Gesundheit? Die Medizin kannte das Wort Pathogenese, die Entstehung von Krankheit. Für die Entstehung von Gesundheit gab es kein Wort. Antonovsky prägte es: Salutogenese, aus salus, lateinisch für Gesundheit, und genesis für Entstehung. Die salutogene Frage lautet: Was hilft Menschen, sich in Richtung Gesundheit zu bewegen? Jeder Mensch steht dabei zu jedem Zeitpunkt irgendwo auf einem Kontinuum zwischen völliger Krankheit und völliger Gesundheit.
Dr. Avishai Antonovsky beschreibt das Modell mit einem Fluss. Die kurative Medizin versucht, Menschen zu retten, die hineingefallen sind. Die Vorbeugung versucht, das Hineinfallen zu verhindern. Die Salutogenese geht davon aus, dass alle Menschen ständig im Fluss sind. Das Leben ist voller Belastungen, z. B. Streit, Geldsorgen, ein krankes Kind oder der Verlust des Arbeitsplatzes. Entscheidend ist, wie gut jemand darin schwimmen kann.
Seine Antwort auf die salutogene Frage veröffentlichte Aaron Antonovsky 1987 im Buch „Unraveling the Mystery of Health“: das Kohärenzgefühl. Sinngemäß übersetzt beschreibt er es als eine globale Orientierung. Sie drückt aus, wie sehr ein Mensch ein durchdringendes, dauerhaftes und zugleich dynamisches Vertrauen hat, dass die Reize, die im Laufe des Lebens aus der inneren und äußeren Umwelt kommen, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind, dass einem Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen dieser Reize zu begegnen, und dass diese Anforderungen Herausforderungen sind, für die sich Einsatz und Engagement lohnen (Antonovsky, 1987, S. 19).
Daraus ergeben sich drei Komponenten. Dr. Avishai Antonovsky ordnet jeder eine Frage zu. Verstehbarkeit antwortet auf die Frage „Was geschieht hier?“. Handhabbarkeit antwortet auf die Frage „Wie kann ich damit umgehen?“, z. B. mit Freunden, Familie, Geld oder körperlicher Fitness. Bedeutsamkeit antwortet auf die Frage „Warum lohnt sich der Einsatz?“. Je mehr ein Mensch seine Herausforderungen versteht, je mehr Ressourcen er sieht und je mehr Sinn er darin findet, desto wahrscheinlicher bewältigt er sie erfolgreich.
Wie wirkt das Kohärenzgefühl? Laut Dr. Avishai Antonovsky ist es eine Lebensorientierung, eine Art, auf die Welt zu blicken. Es stützt sich auf Ressourcen, die nicht auf das Psychische beschränkt sind, z. B. Freunde, Familie, Geld oder körperliche Fitness. Damit unterscheidet es sich von der Resilienz. Resilienz bezeichnet vor allem die Fähigkeit, sich nach einer Krise zu erholen. Das Kohärenzgefühl kann helfen, Herausforderungen zu bewältigen, ohne zwingend in eine Krise zu geraten. Er sieht es nahe an der mentalen Fitness, einer erlernbaren Fähigkeit, die sich trainieren lässt.
Warum kann es wirken? Laut Dr. Avishai Antonovsky kann es helfen, Ungewissheit über die Herausforderungen des Lebens zu verringern, sich an die eigenen Bewältigungsressourcen zu erinnern und den Sinn im Handeln zu betonen. Lindström und Eriksson erklären im Journal of Epidemiology and Community Health (2005) die Schlüsselbegriffe der salutogenen Theorie um das Kohärenzgefühl. Der salutogene Ansatz könnte laut ihnen einen soliden theoretischen Rahmen für die Gesundheitsförderung schaffen. Eine Studie in Frontiers in Psychiatry (2021) beschreibt das Kohärenzgefühl nach Antonovsky als generalisierte Widerstandsressource gegen Stress. Bedeutsamkeit steht dort für den Wunsch, motiviert mit einer Herausforderung umzugehen.
Laut Dr. Avishai Antonovsky kann das Kohärenzgefühl in Studien aus vielen Ländern z. B. die Erholung nach einem Herzinfarkt, akademischen Erfolg und Leistung bei militärischen Einsätzen vorhersagen. Bei Depression, posttraumatischer Belastungsstörung und beruflichem Burnout gilt ein starkes Kohärenzgefühl laut ihm als Schutzfaktor. Studien zeigen laut ihm weltweit einen starken umgekehrten Zusammenhang zwischen dem Kohärenzgefühl von Mitarbeitern und Burnout.
Laut dem Handbook of Salutogenesis (2017) umfasst Antonovskys Fragebogen 29 Fragen: 11 zur Verstehbarkeit, 10 zur Handhabbarkeit und 8 zur Bedeutsamkeit. Eine Kurzfassung hat 13 Fragen. Die Skalen gelten als zuverlässig und gültig. Ende 2025 war der Fragebogen laut Dr. Avishai Antonovsky in fast 70 Sprachen übersetzt und in mehr als 50 Ländern eingesetzt. Es gibt Fassungen für Familien, Gemeinschaften, Arbeitsteams und für Kinder.
Das Handbook of Salutogenesis nennt auch Kritik: Antonovsky verstand das Kohärenzgefühl mit seinen drei Komponenten als ein einziges Gesamtmaß, also als eindimensional. Neuere Forschung deutet darauf hin, dass es mehrdimensional ist. Antonovskys Annahme, es bleibe ab 30 Jahren bis zum Ruhestand weitgehend stabil, findet in späteren Studien keine Bestätigung. Wie stabil das Kohärenzgefühl im Lauf des Lebens ist, untersucht die Forschung laut Dr. Avishai Antonovsky weiterhin.
Aaron Antonovsky (1923–1994) war Medizinsoziologe und einer der Gründer der medizinischen Fakultät der Ben-Gurion-Universität des Negev. Die Theorie entstand in den 1970er-Jahren in einem kleinen Arbeitszimmer nahe Be’er Scheva. Seine Frau, Dr. Helen Antonovsky (1925–2007), war seine Partnerin bei der Entwicklung des salutogenen Denkens und beim Schreiben der beiden grundlegenden Bücher. Der Sohn der beiden, der Psychologe Dr. Avishai Antonovsky, widmet dem Modell eine eigene Seite: The Salutogenic Model of Health auf antonovsky.com.
Diese Frage gehört zum Thema Angehörige, Vorbeugung und Coaching. Dort stehen weitere Fragen dazu.
Was lässt sich bei der ärztlichen Abklärung zum Kohärenzgefühl, also Antonovskys Kernbegriff der Salutogenese ansprechen?
- welche Lebensbereiche sich gerade verstehbar, handhabbar und bedeutsam anfühlen
- wo die Erschöpfung Dinge unbewältigbar erscheinen lässt
- ob sich Stimmung und Schlaf verändert haben
Erschöpfung kann viele Ursachen haben, darunter Erkrankungen, die eine Behandlung brauchen. Deshalb steht vor einem Coaching die ärztliche Abklärung, in der Regel zuerst in der hausärztlichen Praxis.
Wann kann Erschöpfung zum Notfall werden? · Warum bei Burnout zuerst zum Arzt und dann ins Coaching?
Welcher Prompt lässt sich einem KI-Assistenten zum Kohärenzgefühl, also Antonovskys Kernbegriff der Salutogenese stellen?
Weise mich zu Beginn deiner Antwort darauf hin, dass dieses Thema ärztliche Prüfung braucht und deine Angaben Fehler enthalten können. Erkläre das Kohärenzgefühl (Sense of Coherence) nach Aaron Antonovsky mit seinen Komponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit und nenne die Kritik am Konzept. Nenne zu jeder Angabe die Quelle und markiere, was unsicher ist. Stelle keine Diagnose und empfiehl keine Behandlung. Nenne mir getrennt davon, welche Fragen ich in der ärztlichen Praxis stellen sollte.
Bei manchen Diensten muss der Prompt nach der Anmeldung eingefügt werden. Die KI-Dienste gehören Drittanbietern. Je nach Dienst und Nutzungsumfang können eine Anmeldung und Kosten anfallen. KI-Antworten können Fehler enthalten.
Worauf stützt sich die Antwort zum Kohärenzgefühl, also Antonovskys Kernbegriff der Salutogenese?
- Lindström B, Eriksson M (2005): Salutogenesis. Journal of Epidemiology and Community Health 59(6), 440–442 (englisch)
- Eriksson M, Mittelmark MB (2017): The sense of coherence and its measurement. In: The Handbook of Salutogenesis, Springer, Chapter 12 (englisch)
- Stoyanova K, Stoyanov D (2021): Sense of coherence and burnout in healthcare professionals in the COVID-19 era. Frontiers in Psychiatry 12, 709587 (englisch)
- Antonovsky A (Dr. Avishai Antonovsky): The Salutogenic Model of Health. antonovsky.com (englisch)